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Publikationen  

... Textproben

> Respekt. Anders miteinander umgehen

> Ende der Nacht
> Ingeborg und der kretische Hund
> Ich hätte sie gerne noch vieles gefragt
> Ein Raum für mich
> Die Angst kam erst danach. Jüdische Frauen im Widerstand 1939 - 1945.

 

Ingrid Strobl: Respekt. Anders miteinander Umgehen
© Pattloch Verlag, 2010

Einleitung
Respekt ist wieder angesagt. Die Medien machen ihn zum Thema, Lehrerinnen und Lehrer behandeln ihn im Unterricht. Arbeitnehmer wünschen sich laut einer Umfrage ausdrücklich einen Chef, der sie respektiert. Die Kirchen, soziale Einrichtungen, antirassistische Initiativen und viele andere mehr schreiben sich „Respekt“ auf ihre Fahnen. An der Universität Hamburg untersucht die RespectResearchGroup, ein interdisziplinäres Team junger Forscher, das Phänomen Respekt, HipHopper rappen über „respect“, und Benimmkurse, die gerade wieder hoch im Kurs stehen, lehren „respektvolles Verhalten“. Doch was ist damit gemeint? Der Respekt, den ein Projekt für obdachlose Menschen einfordert, ist garantiert ein anderer, als der, um den es im Benimmkurs geht. Der Respekt, den sich ein Vorgesetzter wünscht, kann mit dem Respekt kollidieren, den seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erhoffen. Und überhaupt, wurde der Respekt nicht vor Jahrzehnten von der antiautoritären Bewegung abgeschafft?
Dieses Buch handelt von Respekt. Von einem Respekt, der mit dem autoritären, aufoktroyierten und nicht hinterfragbaren Respekt von anno dazumal ebenso wenig zu tun hat, wie mit dem Respekt vor den stärksten, härtesten und gnadenlosesten Jungs, der in manchen Raps gefeiert wird. Der Respekt, um den es in diesem Buch geht, ist ein authentischer zwischenmenschlicher Respekt, der die Würde des Menschen und des Lebens achtet und unabhängig davon gilt, welchem Geschlecht ein Mensch angehört, aus welcher Familie und welchem Land er kommt, welche Hautfarbe er hat, welche gesellschaftliche Stellung er einnimmt, und zu welchem Gott er betet.
Als ich anfing, allen möglichen Leuten von meinem Projekt zu erzählen, fragte mich erstaunlicherweise niemand: „Ein Buch über Respekt? Wozu soll das gut sein?“ Ganz im Gegenteil, fast alle waren sofort interessiert. „Das ist ja spannend“, „Höchste Zeit, dass mal jemand darüber schreibt“, bekam ich zu hören, und: „Ein Buch über Respekt? - Cool!“ Ein paar Leute allerdings bemerkten in einem höhnischen oder auch traurigen Tonfall: „Ach ja? Ich könnte eher ein Buch über den Mangel an Respekt schreiben!“
Den gibt es zweifellos, im Alltag ebenso wie in der Gesellschaft und Politik. Viele Menschen vermissen nicht nur ein freundliches Lächeln, die Bereitschaft, jemandem den Vortritt zu lassen oder eine Entschuldigung, wenn sie angerempelt wurden, sondern sie haben auch das Gefühl, sie würden nur noch respektiert für die Dinge, die sie besitzen oder die Leistung, die sie erbringen. Und sie haben Angst, dass sie man sie als „vollwertige“ Menschen nur noch anerkennt, solange sie über einen festen Job oder ein sicheres Einkommen verfügen und fit, präsentabel, flexibel, kompatibel und zu grenzenlosem Multitasking fähig sind.
Dieses Gefühl ist nicht aus der Luft gegriffen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterschiedlicher Firmen berichten über ein mittlerweile wieder respektloses Verhalten von Vorgesetzten. Auch unter Gleichgestellten nimmt der gegenseitige Respekt offenbar ab. In Büros gehört Mobbing beinahe zum Alltag. Und jeder vierte Schüler wurde schon einmal per Handy oder im Internet gemobbt. Wer nicht über bestimmte Statussymbole verfügt, gilt als minderwertig, Menschen, die von Hartz IV leben müssen, werden verachtet und ausgegrenzt, Hauptschülerinnen und Hauptschüler haben kaum noch eine Chance, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Und wenn sie einen „Migrationshintergrund“ haben, verringern sich ihre Aussichten noch weiter Richtung Null. Eine Gesellschaft, in der es unterschiedlich respektierte Gruppen von Menschen gibt und das Wort „sozial“ häufig zur Floskel verkommt, eine Gesellschaft, in der sich Millionen Fernsehzuschauer darüber amüsieren, wie in Castingshows junge Menschen auf das grausamste vorgeführt und fertig gemacht werden, eine Gesellschaft, in der alte Menschen als Ballast wahrgenommen werden, eine solche Gesellschaft leidet ganz eindeutig an einem eklatanten Mangel an Respekt vor der Würde des Menschen.
Ich bin bei der Recherche für dieses Buch in Zeitungen, Zeitschriften, wissenschaftlichen Untersuchungen, im Fernsehen, im Internet, in Gesprächen mit allen möglichen Menschen und bei der Beobachtung alltäglicher Geschehnisse auf zahlreiche Beispiele für einen deprimierenden Mangel an strukturellem und zwischenmenschlichem Respekt gestoßen. Über jedes dieser Beispiele könnte ich ein ganzes Kapitel schreiben. Ich tue es aber nicht. Denn dieses Buch ist kein Beschwerdebuch. In diesem Buch versuche ich herauszufinden, was das ist: Respekt, und ich zeige die vielen verschiedenen Möglichkeiten auf, auch in dieser unvollkommenen Gesellschaft Respekt für sich selbst und für andere zu empfinden und auszudrücken. Ich berichte davon, wie unterschiedliche Menschen Respekt in unterschiedlichen und oft auch sehr schwierigen Situationen empfinden und zum Ausdruck bringen, ich untersuche, wie in verschiedenen Lebensphasen und Lebensbereichen ein respektvoller Umgang zwischen Menschen gelingen kann, und ich versuche zu erklären, warum gegenseitiger Respekt so wichtig, motivierend und heilsam ist.
Ich suche in diesem Buch nach Antworten auf die Fragen: Wer respektiert wen und warum? Und wer respektiert wen nicht und warum nicht? Wer erwartet und erhofft welche Art von Respekt? Wie drücken Menschen ihren Respekt aus und woran erkennen sie, ob jemand sie respektiert oder nicht? Woher kommen die unterschiedlichen Interpretationen von Respekt? Welche Rolle spielt Respekt in der Jugend und im Alter, in der Partnerschaft, in der Kindererziehung, zwischen Frauen und Männern, in der Arbeitswelt, im Alltag, in der Pflege, in der Arbeit mit Sterbenden, mit psychisch Kranken und mit Menschen am Rande der Gesellschaft? Was macht einen authentischen, selbstbestimmten Respekt aus? Kann man diesen Respekt erlernen? Braucht man Selbstrespekt, um andere respektieren zu können?
Ich habe in den letzten zweieinhalb Jahren, also seit ich begann, mich mit dem Thema zu beschäftigen, mit unzähligen Menschen über Respekt gesprochen. Einige habe ich ausführlich interviewt und andere gebeten, den Fragebogen, den ich für das Buch entwickelt habe, zu beantworten. Aus vielen Interviews wurden spannende Gespräche, das Frage-Antwortspiel entwickelte sich zu einem intensiven Gedankenaustausch, der beide Seiten – die oder den Interviewten und mich selbst - zu weiterem Nachdenken anregte. Mehrere meiner Interviewpartnerinnen und –Partner riefen mich Tage und sogar noch Wochen später an, um mir zu sagen, das Thema Respekt gehe ihnen nicht mehr aus dem Kopf. Alle betonten, sie hätten große Freude an unserem Gespräch oder auch an der Beantwortung des Fragebogens gehabt und fühlten sich angeregt, in ihrem Alltag, in ihrer Beziehung und am Arbeitsplatz genauer darauf zu achten, wie sich Respekt äußert oder nicht, und wie sie selbst respektvoller mit sich und anderen umgehen könnten.
Und auch mir selbst hat die Arbeit an diesem Buch große Freude bereitet. Ich habe interessante und liebenswürdige Menschen kennen (oder noch besser kennen) gelernt und wurde zu neuen Gedanken und Beobachtungen inspiriert. Ich habe noch deutlicher als zuvor erkannt, wie wichtig Respekt im Zusammenleben und der Zusammenarbeit ist – und warum. Meine Ausgangsthese, dass Respekt das eigene Leben und das Leben, die Begegnung und das Arbeiten mit anderen erleichtert und verbessert, hat sich bestätigt. Und ebenso meine Vermutung, dass ich, indem ich anderen Respekt entgegenbringe, in ihnen wiederum ein respektvolles Verhalten hervorrufen kann. Das alte Sprichwort, „Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus“, hat sich auch in bezug auf Respekt als häufig richtige Beobachtung erwiesen.

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Ingrid Strobl: Tödliches Karma, Köln 2008
© Emons Verlag

Ich hasse es, wenn das Telefon klingelt, während ich meditiere. Dabei sollte ich als Buddhistin natürlich nicht hassen. Nichts und niemanden. Noch nicht einmal das Telefon. Die Aussicht auf das Nirwana schwand vollends, als der Anrufbeantworter ansprang und mein geliebtes Bruderherz »Nun geh schon ran, ich weiß, dass du da bist!« knurrte. Ich knurrte zurück. Versuchte, mich wieder auf meinen Atem zu konzentrieren.
»Katja, ich bitte dich! Es ist wirklich wichtig!« War da etwas Flehendes in seiner Stimme? Mein Bruder Paul fleht nie. Ich ging dran.
»Hör zu«, begann er, und ich wusste, jetzt war Geduld angesagt. Eine buddhistische Grundtugend, die ich täglich aufs Neue zu entwickeln trachte. Meistens vergeblich. Die Story, die der Aufforderung folgte, ließ mich an meinem Verstand zweifeln oder besser gesagt an vierzig Jahren schwesterlicher Lebenserfahrung. Er habe eine Klientin, teilte mir Bruderherz „Großer Anwalt“ mit, die sei Junkie und wolle nicht nur clean werden, sondern auch noch meditieren lernen. Und da wäre ich ja wohl die Richtige.
Ich kam aus dem Staunen nicht heraus. »Wieso kümmerst du dich plötzlich um Junkies? Das ist doch nicht dein Genre?«
»Eben«, blaffte er. »Deshalb bin ich ja auf deine Hilfe angewiesen.«
Das wuchs sich zu einem Tag der Aha-Erlebnisse aus. Ich ließ mich weich klopfen.
»Okay«, erklärte ich huldvoll, »ich komme um vier.«
„Gut.“ Er klang tatsächlich erleichtert. „Ich sage ihr, sie soll dann da sein. Sie heißt übrigens Nele. Nele Franken.“

xxx

Paul packte mich am Arm und zerrte mich in sein Büro.
»Deine Freundin steht unter Mordverdacht«, blaffte er mich an.
»Ich wünsche dir auch einen wunderschönen Tag«, schnurrte ich. Dann wurde mir bewusst, was er eben gesagt hatte. Mehr als ein heiseres »Hä?« brachte ich vorläufig nicht heraus.
»Ihr Dealer ist ermordet worden. Und in der Wohnung ist alles voll mit ihren Fingerabdrücken.«
»Na, das ist doch logisch, wenn er ihr Dealer war«, wandte ich ein.
»Ihre Prints waren aber auch auf dem Baseballschläger, mit dem er erschlagen wurde.« Wenn Paul sich aufregt, verfällt er in seinen alten Revoluzzerjargon. Zumindest mir gegenüber.
»Kannst du einfach mal ganz vorne anfangen«, bat ich ihn, nun doch etwas kleinlaut.
»Viel mehr weiß ich nicht. Sie hat mich gestern Abend angerufen und gesagt, sie ist abgetaucht, weil sie die Bullen am Arsch hat. Ich habe heute früh mit dem ermittelnden Polizeibeamten gesprochen. Der Dealer wurde tot in seiner Wohnung aufgefunden, und nach deiner Nele wird gefahndet.«
Nach meiner Nele. Ich hatte ihm irgendwann in den letzten Wochen erzählt, dass ich mich mit Nele angefreundet habe. Und dass mich das sehr freut. Ich kann aber nicht behaupten, dass es ihn gefreut hätte.
»Wo ist sie?«
Ich brachte wieder nur ein »Hä?« zustande. Normalerweise äußere ich mich artikulierter, aber Bruderherz treibt mich manchmal zur Regression. »Woher soll ich das wissen?«, schob ich schließlich hinterher.
»Wenn du es weißt, Katja, dann musst du es mir sagen. Ich muss mit ihr sprechen. Und du musst dir darüber klar sein, dass du möglicherweise eine Mörderin deckst.«
Muss, muss, muss. Er wollte mich mal ins Umerziehungslager stecken. Nach der siegreichen Revolution. Das ist lange her, und die Revolution hat er auch nicht gemacht. Den Göttern sei Dank.

...

Ich riss mich aus meinen trübsinnigen Gedanken und beschloss, Hertha zu besuchen. Hertha muntert mich immer auf, und sie mäkelt nie an mir herum. Hertha ist nicht nur meine Nachbarin, sondern eine meiner besten Freundinnen.
Sie war zu Hause. Wie meistens. Hertha geht nicht gern aus, schon gar nicht spazieren. »Ich bin mein Leben lang 'ne Straße rauf- und runtergelaufen«, hat sie mir einmal erklärt, »das tue ich jetzt als alte Frau nicht auch noch zum Vergnügen.«
Sie machte mir die Tür auf, und ich bewunderte wieder einmal ihre Fähigkeit, mit einer Fluppe im Mund klar und deutlich zu sprechen und die Augen trocken zu halten. Mir laufen immer gleich die Tränen über die Wangen, wenn ich es versuche. Lange Zeit dachte ich, das könnten eben nur Humphrey Bogart und Lauren Bacall. Dann lernte ich Hertha kennen. Gegen sie ist Lauren Bacall Schneewittchen.
Ich gab ihr das Taschenbuch, das ich für Nele gekauft hatte. Die hockte jetzt seit fünf Tagen in Herthas Wohnung. Rausgehen war zu riskant, die Bullen hatten mich noch immer im Auge. So ein komischer Lieferwagen stand seit vorgestern ein Stück die Straße runter. Nele hatte schon alle meine Krimis verschlungen und brauchte Nachschub. Sie konnte ja nicht den ganzen Tag bloß darauf warten, dass ich den wahren Mörder ihres Dealers fand.
Unten schlug die Haustür zu. Ich wusste, es waren die Bullen. Was ich nicht wusste, war, was ich jetzt machen sollte.
»Guten Tag, Frau Leichter«, sagte die Kommissarin. Diesmal trug sie eine Jeansjacke über einem TShirt mit dem Logo von Rosenstolz.
„Tag«, knurrte ich.
»Ist das schon wieder die Polizei?«, fragte Hertha eine Oktave höher als ihre normale Stimmlage. »Was wolln Se denn ständig von der Katja?«
»Wir möchten mit Ihrer Freundin sprechen«, flötete Miss Rosenstolz.
»Oh«, sagte Hertha. »Aber die ist doch gar nicht hier.«
»Wissen Sie denn, wo wir Sie finden können?« Die Frage knallte aus dem Mund des Unterbullen wie ein Zwölf-Millimeter-Geschoss.
Hertha sah ihn irritiert an. »Ja schon, aber das is 'n bisschen weit weg.« Sie wandte sich mir zu: »Nä?«
Ich nickte sicherheitshalber.
»Wo genau ist sie denn?«, fragte Frau Kommissarin.
»In ... Wie heißt 'n das Kaff noch mal?«
Die beiden Bullen gingen in Startposition.
»Da, wo der Dalai Lama hockt«, klärte Hertha sie auf.
»Dharamsala«, sagte ich. »Aber sie meinen nicht Jenny. Sie suchen Nele.«
»Wer is das denn?«
»Die war ein paar mal zum Meditieren hier.«
»Das Mädchen verkehrt nur mit so Buddhis«, klärte Hertha die Bullen auf und verdrehte die Augen. Dann wandte sie sich um und öffnete ihre Wohnungstür. »Ich muss jetzt rein«, verkündete sie uns, »gleich fängt die ›Lindenstraße‹ an!«
Die Kommissarin lächelte mir verschwörerisch zu. Ich zuckte die Achseln. Sie guckte vermutlich »Miami Vice«. Falls das gerade wiederholt wurde.
»Was wollen Sie denn schon wieder?«, fragte ich sie.
»Immer dasselbe«, höhnte ihr Pitbull. »Frau Franken.«
»Und Sie glauben allen Ernstes, die sitzt bei mir auf dem Sofa?«, höhnte ich zurück.
»Könnte ja sein.« Er gab nicht auf.
»Dürfen wir reinkommen?«, fragte seine Vorgesetzte.
»Nö.«
»Wir kommen wieder«, versprach Mister Möchtegern-Rambo.

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Ingrid Strobl: Ende der Nacht, Berlin 2005
© Orlanda Verlag

... Heiligabend schneite es leicht. Nach der Arbeit bei Sally und Max lief Anna am Fluss entlang zur Tube Station. Atmete die brackige feuchte Luft ein. Im Supermarkt auf der Kensington High Street kaufte sie tiefgekühltes Nasi Goreng und Nusskuchen. Klaute eine Flasche Chardonay. Als sie nach Hause ging, hörte es auf zu schneien. Schwarzer Schmutz nässte die Straßen.
Sie deckte den Tisch, stellte zwei Kerzen auf. Öffnete Jimi die Tür. Er trug ein weißes Rüschenhemd, einen schwarzen Samtblazer, enge grüne Satinhosen. Hatte sich die Haare gewaschen. Sang We wish you a merry Chrismas, dirigierte dazu mit einer Hand ein unsichtbares Orchester.
"Du siehst ja richtig bürgerlich aus", frotzelte Anna. Jimi schwenkte die Plastiktüte, die er in der anderen Hand hielt. "Ich habe sogar Geschenke mitgebracht."
"Ich hab auch etwas für dich", sagte Anna. Drückte ihm den Blake-Band in die Hand, den sie in einem Antiquariat gefunden hatte. "Er ist ein bisschen angegammelt, aber es sind fast alle Bilder von ihm drin, auch die Illustrationen."
"Wahnsinn!" Jimi nahm sie in den Arm, drückte sie an sich.
Sie setzten sich einen Schuss. Ein wenig später holte Anna das Nasi Goreng aus dem Ofen. Teilte das Essen aus. "Machst du den Wein auf?" "Nö", sagte Jimi lächelnd. "Ich hab was besseres. Wart ab."
Sie aßen ein wenig von dem Reis. Ein Stück Kuchen zum Nachtisch. Anna räumte das Geschirr zusammen, brachte es in die Küche. Als sie zurück kam, lagen auf dem Tisch eine lange Pfeife, ein kleines, in Pergamentpapier eingeschlagenes Päckchen, ein Bild. Jimi grinste von einem Ohr zum anderen. "Schöne Weihnachten." Anna setzte sich, nahm das Bild in die Hand. Sah sich selbst in die Augen. Sah vor lauter Aufregung einen Moment lang gar nichts. Blinzelte, schaute wieder hin. "Gefällt es dir?", fragte Jimi.
Anna nickte stumm.
"Na ja, ich hab mir Mühe gegeben." Das Porträt leuchtete in Grau-, Grün- und Erdtönen. Nur an einer Stelle über ihrer linken Schläfe flammten Annas Haare in einem dunklen, glühenden Rot auf. Ihr Mund war blass, das Gesicht fast weiß, die Augen schilfgrün mit steinfarbenen Schatten darunter. Anna stand auf, umarmte Jimi, drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Er legte den Arm um sie, hielt sie fest. "Das Beste hast du noch gar nicht gesehen." Er öffnete das Päckchen. "Nepalisches Opium. Frisch aus Katmandu importiert für Junkie Queen Anne".
Sie rauchten die Pfeife langsam, andächtig, als zelebrierten sie einen heiligen Ritus. Jimi nahm Anna an der Hand, führte sie in das Schlafzimmer. Sie legte sich auf das Bett. Jimi sah ihre Plattensammlung durch, wählte eine Scheibe aus, legte sie auf. Setzte sich auf das Bett, zog den Blazer und das Hemd aus. Streifte Anna den Pulli über den Kopf. Küsste ihre Arme, ihre Armbeugen, ihre Brüste, ihren Hals, ihr Kinn, ihre Lippen, ihre Nase, ihre Augenlider.
I came by myself to a very crowded place, sang Leonard Cohen. I was looking for someone with lines on her face.
Anna streichelte sein Haar, küsste seine Schulter, seine Stirn, seinen Mund. Hüllte ihn in die Wärme ein, die sich in ihrem Körper ausbreitete. Sie strahlte aus ihrem Bauch in alle Glieder aus und machte sie schläfrig. Sie tastete sich an feuchten Flechten entlang. Irgendwo musste der Eingang sein. Es war dunkel, sie konnte kaum sehen. Vor ihr glomm ein schwacher bläulicher Lichtschein auf, verlosch wieder. Plötzlich stand Anna vor einer dunklen steinernen Treppe, die unter die Erde führte. Sie setzte bedächtig einen Fuß vor den nächsten, fand sich vor einer granitgrauen Tür wieder. Drückte die Hand dagegen. Die Tür schwang auf.
Anna betrat einen hohen, weiten Raum in dem ein weißes, weiches Licht pulsierte. Vor ihr erhob sich ein kugelförmiger purpurn glühender Granat. Persephone thronte darauf, ließ einen Granatapfel von einer Hand in die andere rollen, lächelte Anna zu. "Ich habe dich schon erwartet." ...

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Ingrid Strobl: Ingeborgs Fälle, Frankfurt/Main 2003
Ingeborg und der kretische Hund, © Fischer Verlag

Ingeborg mochte keine Hunde. "Wenn du in Pension gehst, könntest du dir doch einen Hund zulegen", hatten Freunde zu ihr gesagt, und sie hatte sie dafür gehasst. Wie unsensibel, hatte sie gedacht, kennen sie mich wirklich so schlecht? Wissen sie nicht, dass ich den Geruch von Hunden eklig finde, dass mir vor der Vorstellung graut, so eine feuchte Hundeschnauze könnte mein Kleid voll sabbern? Wissen sie nicht, dass ich abends auf meinem Sofa sitzen, ein Glas Wein trinken und meine Ruhe haben will? Und nicht mit dem Hund rausgehen, in Regen und Eiseskälte? ...
... mehr ( tp_Der-kretische-Hund.pdf, 68 KB)

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Ingrid Strobl: Ich hätte sie gerne noch vieles gefragt.
Töchter und der Tod der Mutter, Frankfurt/Main 2004
Kapitel 13 Die Anwesenheit der toten Mutter: "Sie ist für mich nicht einfach weg", © Fischer Verlag

Ich besitze noch immer einen hölzernen Kochlöffel meiner Großmutter. Meine Mutter gab ihn mir mit, als ich von zu Hause auszog. Bis dahin hatte sie ihn selbst benutzt. Er überlebte sämtliche Wohngemeinschaften und Umzüge und ich gebrauche ihn täglich. Er darf nicht in den Geschirrspüler, sondern muß sorgfältig per Hand gereinigt werden. Sollte ich ihn je verlieren, wäre das eine echte Katastrophe. In dieses Stückchen abgenutztes Holz ist ein Teil meiner mütterlichen Familiengeschichte eingegangen. Der Kochlöffel ist mir nicht weniger wertvoll, als der Schmuck, den ich von meiner Mutter geerbt habe. ...
... mehr ( tp_Muetterbuch.pdf, 74 KB)

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Ingrid Strobl: Ein Raum für mich. Wo Frauen zu sich selbst finden, München 2004, © Kösel Verlag (zur Zeit leider vergriffen)

Meine Buchhändlerin ist ein hilfsbereiter Mensch. Ich bat sie, im Verzeichnis lieferbarer Bücher nachzusehen, was es zum Thema "Frauen brauchen ein Zimmer für sich allein", an Literatur gibt, und sie setzte sich sofort an den Computer, obwohl der Laden ziemlich voll war. Während wir auf das Ergebnis warteten, fragte sie mich: "Wozu brauchen Sie das denn? Machen Sie eine Sendung darüber?" Ich erzählte ihr, dass ich vorhatte, ein Buch darüber zu schreiben. "Oh", sagte sie, "das ist ja eine gute Idee. Ich bin sicher, dass viele Frauen das lesen werden." ...
... mehr ( tp_raumfuermich.pdf, 97 KB)

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Ingrid Strobl: Die Angst kam erst danach. Jüdische Frauen im Widerstand 1939 - 1945. Frankfurt am Main, 1998, © Fischer Verlag,
aus Kapitel "Die Praxis":

Egal, welche Aufgaben eine jüdische Frau im Widerstand erfüllte, sie benötigte dafür ein beachtliches Maß an Mut und Entschlossenheit. "Der Mut kam mit der Arbeit", sagt Chasia Bielicka-Bornstein, eine Aussage, die sicher auf viele andere Frauen zutrifft. Doch ebenso gilt die Aussage von Masza Putermilch: "Angst ist eine ganz natürliche Sache." Viele Frauen schrieben in ihrer Antwort auf die entsprechende Frage in meinen Fragebogen, sie hätten keine Angst gehabt. Erst im persönlichen Gespräch waren sie bereit, sich genauer und ausführlicher zu diesem Thema zu äußern. Die abstrakte Aussage "Ich hatte keine Angst" hat insofern ihre Berechtigung, als sie bestätigt, daß die betreffende Frau prinzipiell ihre Angst beherrschen oder überwinden, das heißt: handeln konnte. Sie gilt jedoch nicht für konkrete Situationen und Zeitpunkte. Einige der von mir befragten Frauen bleiben bei ihrer Erklärung, sie hätten keine Angst gekannt. Andere, darunter Frauen, die wichtige Positionen im bewaffneten Kampf eingenommen hatten, wie Vitka Kempner, Catherine Varlin oder Hélène Taich, sprachen über ihre Angst als etwas Selbstverständliches und Unvermeidliches. ...
... mehr ( tp_Die_Praxis.pdf, 66 KB)

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